Was der Frankensteiner Stadtschreiber* im 30jährigen Krieg erlebte

(entnommen dem Buch "Am Born der Heimat" v.1926)

*Der Stadtschreiber Kaspar Gloger bekleidete dieses Amt von 1650-1661. Sein Vater, der Bäckermeister Balthasar Gloger war von 1635-1640 Stadtschöffe und von 1640 bis zu seinem Tode am 27.Februar 1650 Ratsmann.

"Kinder" sagte der Stadtschreiber Kaspar Gloger eines Abends im Familienkreise, "wenn ich Euch meine Erlebnisse im Dreißigjährigen Kriege erzählen soll, dann steigen grauenvolle Bilder vor meinem Geiste auf. Noch heute nach zwölf Jahren des Friedens schrecke ich manchmal aus dem Schlafe auf, wenn im Traume ein sächsischer Landsknecht oder schwedischer Reiter hinter mir her ist.

Von den zwei ersten Jahren jenes Krieges weiß ich freilich nichts, war ich doch damals erst sechs Jahre alt. Auch kümmerten wir Schlesier uns nicht um den Streit, den die Böhmen mit dem Kaiser angefangen hatten. Aber an den 21. Februar 1620 erinnere ich mich noch gut, da wir Jungens hinter den prächtigen Wagen einherliefen, die von Baumgarten her zum Schlosse kamen. Im dritten Wagen saß der neugewählte König von Böhmen, Friedrich V., der am nächsten Morgen nach Breslau zur Huldigung weiterfahren wollte. Erst spät abends kam ich nach Hause, wo mich mein Vater Balthasar brummend und scheltend empfing. Er stand ganz allein in der Backstube, denn auch Lehrbuben und Gesellen waren aus Neugier zum Schlosse gelaufen, und machte seinem Herzen Luft über die aufrührerischen Böhmen, die nach dem Tode des Kaiser Matthias den katholischen Österreicher Ferdinand II. nicht anerkennen wollten. "Da werden wir armen Schlesier wieder die Suppe auslöffeln müssen", schimpfte er, "haben sich doch auch unsere Fürsten und Stände gegen den Kaiser aufhetzen lassen". Seine Ahnung erfüllte sich gar bald. Noch im selben Jahre ging die Herrlichkeit des "Winterkönigs" zu Ende. Die Niederlage am Weißen Berge kostete ihn Land und Krone, und am 16.November sahen wir ihn wieder in Frankenstein, diesmal als Flüchtling.

Die Sache wäre bei der raschen Sinnesänderung der schlesischen Fürsten noch glimpflich abgelaufen, wenn nicht der lutherische Herzog Johann Georg von Jägerndorf als einziger Anhänger Friedrichs im Frühjahr 1621 seine Scharen aus Brandenburg nach Schlesien geführt und in die feste Stadt Glatz geworfen hätte. Nun war der Krieg da; das kündeten uns die brennenden Gehöfte von Camenz und Giersdorf. Im August erschien dann ein aus Sachsen und Schlesiern gebildetes kaiserliches Heer in unserem Fürstentum, um das widerspenstige Glatz zurück zu erobern.

Ach, Kinder, was waren das für Soldaten! Der Abschaum der Menschheit schien zusammengekommen zu sein. Heimatschutz und Vaterlandsliebe waren den Söldnern unbekannt. Bürger und Bauern mußten ohne Weigern alle ihre Wünsche erfüllen oder Plünderungen und Brandschatzung, Mißhandlungen und Martern, namenloses Elend oder grausigen Tod erleiden. 42 Wochen hauste das kaiserliche Heer im Fürstentum und lebte auf Kosten des Landes, statt gegen Glatz zu kämpfen. Unsere Stadt allein mußte 1.500 Mann, hauptsächlich Sachsen, aufnehmen. Noch schlimmer erging es den Dörfern; Stolz, Seitendorf, Kunzendorf, Baitzen und Altmannsdorf wurden völlig niedergebrannt. Da brachte man am 3.Juni 1622 zwei große Kanonen aus Breslau durch Frankenstein, den "Lindwurm" und "Die schwarze Sau", denn Glatz sollte nun kräftig beschossen und gestürmt werden. Aber erst am 25.Oktober fiel die Stadt.

Nach der Einnahme von Glatz zogen wohl die Kriegsvölker nach und nach fort, hinterließen uns aber Armut, Hunger und Teuerung. Aus den verwüsteten Dörfern kamen die Lebensmittel nur spärlich in die Stadt, wo Handwerk und Gewerbe darniederlagen und der Handel stockte. Zudem war eine grenzenlose Verschlechterung des Geldes eingerissen, mußte man doch für einen silbernen Reichstaler 15-20 gewöhnliche Taler zahlen. Daher brachten die drei folgenden Jahre der Ruhe keine Erholung für Stadt und Land.

Im August kam der Befehl zur Aushebung jedes zehnten Mannes im Fürstentum für das kaiserliche Heer und damit neue Kriegsnot. Der Mansfelder, der Heerführer der Protestanten, zog durch Schlesien, und Wallenstein, der arg gefürchtete kaiserliche Feldherr, kam hinter ihm her.Wie im Feindesland hauste der Friedländer (Anm."Wallenstein"); seine Forderungen zur Verpflegung waren fast unerschwinglich. Auch durch das Frankensteiner Gebiet wollte er ziehen, doch ließ er sich durch fußfälliges Bitten zu einem Umweg über Strehlen bewegen. Diese Gnade mußten wir teuer genug bezahlen. Unsere Stadt allein mußte ihm außer Bier und Wein 15.000 Brote liefern. Aber lieber standen wir Tag und Nacht neben dem Vater in der Backstube, als daß wir den Wallensteiner hier gehabt hätten. Da schreckte uns im Dezember die Nachricht auf, er nehme in Schlesien Winterquartier, und schon am 8.Januar rückte ein Regiment Fußvolk hier ein. Sechs Monate lang seufzten wir unter hartem Druck, denn mit rücksichtsloser Strenge wurden Nahrungsmittel und Geld eingetrieben. Wir mußten das Letzte hergeben und zu allen Roheiten der Soldaten stillschweigen. Meine Schwester Annemarie hatte Vater fürsorglich zum Onkel Ziegler nach Reichenstein gebracht. Um mich und meinen Bruder Christoph hatte er weniger bange; wir wußten schon den Landsknechten zu entgehen.

Im Juni zogen die Wallensteiner endlich ab, aber ehe wir Atem schöpfen konnten, traf schlesisches Kriegsvolk ein, und die eigenen Landeskinder benahmen sich durch 26 Wochen fast wilder als die Horden Wallensteins. Nach dieser Plage begann die gewaltsame Wiedereinführung des katholischen Glaubens, da jetzt ganz Schlesien in den Händen des Kaisers war. Bei uns, wo schon 60 Jahre lutherische Prediger an der Pfarrkirche walteten, wurde 1629 die Bürgerschaft gezwungen, katholisch zu werden. Das fiel jedoch meinen Eltern und manchen anderen Bürgern nicht so schwer, da sie im Herzen noch altgläubig waren.

Nun sah Frankenstein während dreier Jahre keinen feindlichen Soldaten in seinen Mauern, doch beängstigte uns die Kunde, daß der Schwedenkönig Gustav Adolf 1630 gelandet sei, um den protestantischen Fürsten zu helfen. Wirklich erschienen zwei Jahre später schwedische Truppen in Schlesien, und die Kaiserlichen mußten ihnen selbst Breslau überlassen. Auf ihrem Rückzug besetzten diese auch Frankenstein, was aber schweres Unheil zur Folge hatte. Der durch die Freveltat eines kaiserlichen Leutnants veranlaßte Brand seines Quartiers, des "Hirschen" an der Nordwestecke des

Ringes, verbreitete sich über die ganze Stadt und legte sie am 3.Juni 1632 in Asche. Nur die Pfarrkirche, die Schule und zehn Häuser auf der Junkerngasse (jetzt Freiheit) blieben verschont. Nur mit Mühe retteten wir unser nacktes Leben. In den ausgebrannten Ort rückten schon im September die Schweden ein, setzten sich im Schlosse fest und machten uns mit dem Säbel in der Faust lutherisch. Im November kamen dann kaiserliche Truppen von Neisse her, die nach heftiger Beschießung die Feinde zur Übergabe des Schlosses zwangen. Ebenso rasch wie vor zwei Monaten wechselten wir wieder unseren Glauben.

Obgleich unsere Stadt fast einem Schutthaufen glich, mußte sie im folgenden Jahre schon wieder dem Wallensteinschen Heere auf seinem Durchzug Unterkunft gewähren. Die Dörfer im Umkreise waren freilich noch übler dran, denn uns konnten die Landsknechte schon nichts mehr wegnehmen. Dafür brachten sie uns einen anderen finsteren Gast mit, den "Schwarzen Tod". Wie mein Großvater erzählte, hat die Pest schon vor dem Kriege dreimal in Frankenstein gewütet; das war 1521, 1568 und 1606. Jetzt kam dieses Gespenst abermals und forderte Tausende in unserem Fürstentum. In der Stadt begann das große Sterben im August 1633 und hörte erst im Januar auf. Denkt euch, am 6.September allein trug man 30 Leichen auf den Friedhof; auch meine liebe Mutter, Bruder Christoph und die gute Annemarie starben rasch hintereinander. Damit nicht genug, flutete im Mai 1634 das bei Lindenbusch von den Sachsen geschlagene Heer über die stille Stadt und die ausgesogene Landschaft und raubte und brandschatzte zum Gotterbarmen. Quickendorf, Peterwitz, Kleutsch, Zülzendorf gingen in Flammen auf: Wer fliehen konnte, verkroch sich in die Wälder, um den Greueltaten zu entgehen. Anderthalb Jahre lag die Geißel Gottes auf uns; wir ertrugen sie nach allem Vorausgegangenen mit Stumpfsinn. Selbst der Prager Teilfrieden vom 30.Mai 1635, der auch Schlesien mit einschloß und uns von der Truppenlast befreite, weckte keine hoffnungsfreudige Stimmung.

Die folgenden drei Jahre waren ruhiger, und aus dem Schutt hätte wieder eine bewohnbare Stadt erstehen können, wurde uns doch kostenlos Bauholz aus den kaiserlichen Wäldern angewiesen. Aber Frankenstein hatte etwa nur noch den sechsten Teil seiner Bewohner, deren Baulust durch die Angst vor neuen Feindseligkeiten gelähmt wurde. Mein Vater aber, einer der Wenigen, deren Tatkraft trotz aller Schicksalsschläge durch festes Gottvertrauen gestärkt wurde, schritt rüstig zum Wiederaufbau seiner Bäckerei. Da brachte das Jahr 1639 neue Kriegsleiden, die nun ununterbrochen bis zum Friedenschlusse, ja noch darüber hinaus andauerten.

Wiederum zogen die Schweden, diese unbarmherzigen Menschenschinder, heran und hausten dreimal: 1639, 1642 und 1645 in unserer Stadt. In der Zwischenzeit aber plagten uns die Kaiserlichen als ebensolche Blutsauger, war doch unser Fürstentum entweder ihr Sammelplatz oder ihre Durchzugsstraße. Bei dem Hin und Her der Truppenzüge wußten wir kaum mehr, ob wir Reichssoldaten oder Feinde beherbergten; Diebe, Räuber, Mörder und Brandstifter waren sie alle. Ums Ende dachten die gegnerischen Heere gar nicht mehr an Kampf und Sieg, sie zogen planlos wie Räuberbanden durchs Land, dort verweilend, wo noch einiges zu ergattern und zu verzehren war.

Ich will auch darum nur noch einiges von dem letzten großen Kampf um den Besitz unseres festen Schlosses erzählen.

1645 war´s; wir hatten unter der kaiserlichen Besatzung der Stadt gar harte Tage, so daß wir uns fast die Schweden herbei wünschten. Da kamen sie am 1.Oktober unter General Königsmark und bereiteten uns 24 Schreckensstunden.

Trotz des Schutzbriefes des Generals und der sofortigen Lieferung von 8.000 Broten und vielem Getränk blieb kein Haus ungeplündert. Am nächsten Tag zogen sie nach Patschkau weiter, ohne das Schloß zu besetzen. Das holten sie aber schon am 27.Oktober nach, indem sie die wieder eingerückten Kaiserlichen vertrieben und eine starke Besatzung mit mehreren Geschützen zurückließen. Der schwedische Hauptmann Krägel gedachte nicht sobald abzuziehen, denn er befahl die Einführung eines lutherischen Predigers und richtete das Schloß zu hartnäckiger Verteidigung her. Die Scheuern vor dem Glatzer Tor wurden niedergerissen, eine Reihe Häuser auf der Oberlangengasse und der Junkerngasse dem Erdboden gleich gemacht, das hohe Dach auf dem Schlosse abgedeckt, die Wälle und Gräben instandgesetzt. Auch mußte die Stadt trotz ihrer Armut große Mengen Lebensmittel, Schlachtvieh und Getreide ins Schloß liefern.

Die Angriffe der Kaiserlichen ließen nicht lange auf sich warten; sie wurden jedoch in der ersten Hälfte des folgenden Jahres nur schwächlich unternommen, und mehrere Versuche, nächtlicherweile in die Stadt einzudringen und die Feinde zu überraschen, mißlangen zum größten Schaden der geängstigten Bürger. Da sollte eine kaiserliche Armee unter dem General Montecuccoli mit erdrückender Übermacht das schwedische Nest ausheben. Sie erschien Ende Juni 1646 und hatte am 1.Juli ihre Stellung von Zadel über Heinersdorf bis Olbersdorf eingenommen. Da die Stadt gegen eine solche Macht nicht zu halten war, zog sich Krägel auf das Schloß zurück, das er bis zum letzten Atemzuge halten wollte. Schon am 2.Juli begann die Beschießung des Schlosses. Drei schwere Geschütze standen auf dem Zadler Kirchberge und zwei Feuermörser im Quergässchen der Oberlangengasse. Von den Schanzen, die auf der Seite der Pfarrkirche zu aufgeworfen waren, schoß das Fußvolk mit Wallbüchsen nach den Fenstern und nach dem Dache des Schlosses und machte nächtliche Sturmangriffe. Aber bei der tapferen Verteidigung dauerte der Kampf zwei Wochen. Erst als man die Schweden auf die bis unter die Schloßmauern angelegten Minen hinwies, waren sie gegen freien Abzug zur Übergabe zu bewegen. Diese erfolgte am 13.Juli, 4 Uhr nachmittags, und damit waren wir wieder kaiserlich und blieben es.

Graf Montecuccoli, nach dem jetzt der Göckelsberg bei Zadel, der Ort seines Zeltlagers, benannt wird, befahl, das Schloß so weit zu zerstören, daß sich keine Feinde mehr darin festsetzen könnten. Man beseitigte die Schanzen und die Wälle gegen die Stadt, ließ alles Brauchbare fortschleppen und legte Feuer an. Ein Flammenmeer verwüstete das Innere und ließ nur die Mauern stehen. Die runden Ecktürme wurden in die Luft gesprengt, der mächtige Torturm aber widerstand selbst einer Tonne Pulver.

Nach Zerstörung dieses Stützpunktes glaubten wir uns vor allen Kriegsvölkern sicher, aber noch zwei Jahre lang gingen Truppenzüge durch unser Fürstentum, erpreßten Gelder, raubten Vieh und Getreide und verübten die ärgsten Schandtaten.

Endlich schloß man am 4.Oktober 1648 den Westfälischen Frieden, aber seine Wirkung trat nur allmählich ein, und unsere Leiden dauerten noch eine geraume Zeit fort. Selbst heute, da wir 1660 schreiben, schmerzen noch die Wunden, die der unheilvolle Krieg geschlagen hat. Aber allenthalben ist neues Leben erwacht: der Bauer pflügt wieder sein Feld, der Handelsmann füllt sein Warenlager, der Handwerker schafft emsig in seiner Werkstatt. Alle sind bestrebt, sich durch Fleiß und Sparsamkeit ein neues Glück zu erbauen. Kinder, lernt von euren Vätern und setzt mutig fort, was sie begonnen, und euer Tun wird gesegnet sein!"


Welche Schlußsätze! Man denkt unwillkürlich an die Ereignisse 300 Jahre später, als nach dem Ende des unheilvollen 2.Weltkrieges, alle Deutschen mit etwas Gepäck aus dem unzerstörten Frankenstein und ganz Schlesien vertrieben wurden. Für sie gab es nur einen Neuanfang in der Fremde in ähnlichem Elend, und die Wunden des Heimatverlustes schmerzen weiter unentwegt.....