Der Ort Kamenz

Im Schutze des Klosters hatte sich der Ort Kamenz entwickelt. Anno 1096 Kamenec, 1210 Kamenech, im Jahr 1216 Kamenez genannt. Die Klosterkirche wurde nach der Aufhebung des Stiftes zur Pfarrkirche von Kamenz. Von den 38 Klostergeistlichen blieben einige als Pfarrer in umliegenden Pfarreien tätig. Den anderen hatte der Staat ein monatliches Ruhegehalt von 12-20 Talern versprochen. 1812 wurde ein Teil der Klosterbibliothek nach Breslau gebracht, ein Teil verkauft, ein Teil leider aber auch vernichtet. Ein kleiner Rest blieb in Kamenz und war noch auf der Pfarrei zu sehen. Das Klostervorwerk wurde zum Dominium, die Klostermühle später zu einer Holzstoffabrik und der Kretscham wurde zu dem stattlichen Hotel „Schwarzer Adler“. Die Stiftsherrschaft mit allen Liegenschaften des Klosters wurde am 25.2.1812 von der Hohenzollern-Prinzessin, Prinzessin Friederike Luise Wilhelmine von Oranien erworben. Der Erbprinz von Oranien, der spätere König Wilhelm der Niederlande, lebte hier einige Monate im Exil. Am 9.2.1817 kam es zum Brand des Klosters. Das Klosterquadrum mit dem Kapitelsaal und dem Refektorium brannte völlig aus, die Kirche wurde schwer beschädigt. Nur der Prälaturflügel und Teile des Westflügels blieben erhalten. Der mittelalterliche Kreuzgang mußte mit den inneren Klausurgebäuden abgebrochen werden. Die im Innern nicht allzu sehr beschädigte Kirche wurde wieder hergestellt. Zwar war ein großer Teil des Chorgestühls verbrannt aber der Platz den Friedrich der Große 1741 beim Chorgebet inne hatte, blieb verschont. Die turmlose Kirche bekam einen Dachreiter. Sehenswert sind in ihr die schönen Schnitzwerke schlesischer Barockkünstler und die 14 Nothelfer-Figuren des norwegischen Bildhauers Thomas Weißfeld. Das wunderschöne Bild „Mariä Himmelfahrt“, das am 30.September 1705 in den Barockhochaltar eingesetzt wurde, ist von Michael Willmann. Es ist die letzte Variante des Themas, die der Maler schuf. Es ist eigentlich keine Himmelfahrt mehr, sondern eine Maria in Glorie. Schön ist auch die Kanzel mit der Jakobsleiter auf dem Dach, dem Schalldeckel. Um diese Jakobsleiter rankt sich eine Anekdote: Als Friedrich der Große mit Abt Tobias Stusche in der Kirche stand, machte er dem Abt gegenüber die Bemerkung „Sagen Sie mal, die Engel steigen die Leiter hinauf, warum fliegen die nicht?“ schlagfertig antwortete der Abt „Majestät, sie sind augenblicklich in der Mauser“.

Das vom Brand verschonte Chorgestühl wurde 1919 im Seitenschiff der Kirche aufgestellt. Eine Tafel zierte den Sitz, den Friedrich der Große 1741 inne hatte. Die alte Tafel wurde durch eine neue ersetzt, welche folgenden Text trug: „Am Nachmittag des 27.Februar 1741 unter der Regierung des Abtes Amandus Fritsch, fand König Friedrich II. von Preußen auf der Flucht vor den Österreichern in diesem Gotteshaus Schutz. Zur Rechten des Abtes sitzend und ins weiß-schwarze Kleid der hier zum Chorgebet versammelten Mönche gehüllt, entging er den Späherblicken der feindlichen Husaren, welche Kloster und Kirche vergeblich durchsuchten und nur den Königl. Adjutanten von Glasenapp fanden, den sie gefangen wegführten.“

Den Platz vor der Kirche erreicht man über die Brücke des Mühlgrabens mit den Figuren des Hl.Nepomuk und des Hl.Florian und dann durch das sogenannte Brauertor. Die Brauerei befand sich einst linker Hand. Die katholische Schule befand sich ursprünglich im Kloster. 1835 bis 1837 wurde das jetzige Schulhaus erbaut. Zunächst wurden 3 Klassenzimmer benutzt von 3 Lehrern. Die Herrschaft von Kamenz ging von der Königin Friederike Luise Wilhelmine der Niederlande an deren jüngste Tochter Marianne über, die seit dem 14.9.1830 mit Prinz Albrecht von Hohenzollern verheiratet war. Da wegen des Brandes die Klostergebäude als Fürstl.Residenz ausfielen, plante Prinzessin Marianne die Errichtung eines Schlosses auf dem Hertaberg. Für ihre neuen Untertanen erwies sich die Prinzessin als sehr fürsorglich. 1838 wurde in der Schule durch Prinzessin Marianne das 4. Zimmer als „Industrie-Zimmer“ ausgestattet, wo von einer Industrie-Lehrerin Unterricht erteilt wurde. Prinzessin Marianne förderte soziale Einrichtungen, den Straßenbau und die Forstwirtschaft. An der Wegekreuzung nach Reichenstein ließ sie ein Forsthaus errichten. Am 25.Mai 1848 erfolgt die Einweihung der evgl.Schule durch die Prinzessin. 1855 eröffnet sie eine Kinderbewahranstalt, das „Albrechtshaus“ für Waisen. Am 15.Juli 1875 ist die Grundsteinlegung für die protestantische Pfarrkirche. Am 15.Juli 1883 ist die Einweihung des „Mariannen-Stifts“, dem durch die Prinzessin gestifteten Hospital und zwei Jahre später am 15.7.1885 erfolgt die Weihe der neugotischen, protestantischen Pfarrkirche. Kamenz hatte jetzt 935 Einwohner, von denen 20 % evangelisch waren. Kamenz wurde im letzten Viertel des 19.Jh. zum Eisenbahnknotenpunkt. 1875 wurde die Bahnlinie Breslau-Kamenz-Glatz-Mittelwalde-Prag eröffnet, 1876 Liegnitz-Kamenz-Neisse. 1925 wurden in 6 ½ m Tiefe bei Brunnenarbeiten auf dem evgl. Friedhof ein Stück eines mindestens 12 000 Jahre alten Rentiergeweihs gefunden. Es kam nach Breslau in das Museum für Kunstgewerbe und Altertum. 1940 starb auf Kamenz der letzte Nachkomme der Albrechts-Linie der Hohenzollern, Prinz Friedrich Heinrich von Preußen. Er wurde im Mausoleum im Schloßpark beigesetzt. Erbe ist Prinz Waldemar von Preußen. Nach Kriegsende im Mai 1945 wurde Kamenz von der Roten Armee besetzt. Ca.2000 russische Soldaten quartierten sich in Schloß und Prälatur ein. Das Schloß wurde in Folge ausgeplündert und große Teile der Innenausstattung abtransportiert. Selbst Marmor-Treppen wurden ausgebrochen und gingen z.B. nach Warschau. In der Nacht vom 21./22.Januar 1946 wurde das Schloß in Brand gesteckt. Am 25.Januar war es fast völlig ausgebrannt. Doch der Brand schwelte noch wochenlang in den Ruinen. Die bis Kriegsende und der Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1945/46 protestantische Kirche wurde 1983 ebenfalls durch Brandstiftung weitgehend zerstört nachdem sie als Lagerschuppen gedient hatte. Der Ort Kamenz hatte im Jahr 1784 988 Einwohner, 1825 waren es 850 und 1905 959 Einwohner. Nach der amtl.Volkszählung vom 17.Mai 1939 hatte Kamenz 2528 Einwohner auf 13,46 qkm.

Auch sie mußten 1945/46 die entschädigungslose Enteignung und die Vertreibung aus ihrer angestammten Heimat erdulden, nur weil sie Deutsche waren.